Karte 49 – Excentration
Was im Gehirn passiert, wenn man bewusst aus der eigenen Perspektive heraus- und in eine andere hinaustritt – die Neuroanatomie der Excentration
Anatomisch und biochemisch
Excentration – der Begriff wurde von Johannes Faupel geprägt – bezeichnet den bewussten Wechsel aus der eigenen Perspektive heraus in eine andere. Neurobiologisch ist das ein Wechsel im leitenden Netzwerk: Vom selbstreferenziellen Modus des medialen präfrontalen Kortex (mPFC) und des Posterior Cingulate Cortex (PCC; zentraler Knotenpunkt des Default Mode Networks, Kern des Selbstreferenz-Netzwerks) zum perspektivnehmenden Modus des temporoparietalen Übergangs (TPJ; auch: Theory-of-Mind-Areal, Perspective-Taking-Region).
Der dorsolaterale präfrontale Kortex (dlPFC) initiiert die Excentrations-Absicht: Ich verlasse meinen Standpunkt bewusst. Das ist ein exekutiver Impuls – Excentration geschieht nicht automatisch. Der TPJ berechnet die Fremdperspektive: Was sieht, weiß und fühlt die andere Person in dieser Situation? Die anteriore Insula registriert, ob der Perspektivwechsel wirklich angekommen ist: Körperliches Selbst-Erleben verändert sich, wenn eine fremde Perspektive tatsächlich eingenommen wird. Wer den Perspektivwechsel nur intellektuell simuliert, ohne Insula-Beteiligung, hat die Excentration noch nicht vollständig erreicht.
Was unterscheidet Excentration von gewöhnlicher Empathie? Empathie ist oft eine emotionale Resonanz – das Mitfühlen. Excentration ist ein kognitiver Wechsel des Standpunkts, von dem aus eine Situation bewertet wird. Beide aktivieren den TPJ, aber die Tiefe der Insula-Beteiligung und die exekutive Steuerung des dlPFC unterscheiden sich. Was macht die Rückkehr aus der Excentration so wichtig? Weil ohne bewusste Rückkehr – den Schritt zurück in den eigenen Standpunkt – die Excentration in Überidentifikation übergehen kann. Der vmPFC reguliert die Rückkehr und die Integration der neuen Perspektive in das eigene Modell.
Beispiele aus dem Alltag
- Konfliktsituation: Statt aus der eigenen Verletzung heraus zu reagieren, betritt man die Perspektive des Gegenübers: Was hat diese Person gesehen und was weiß sie nicht? Der TPJ liefert dafür das Rechenmodell.
- Führungsgespräch: Ein Vorgesetzter, der die Perspektive des Mitarbeiters wirklich einnimmt – nicht nur simuliert –, verändert seine Körpersprache und seinen Ton. Die Insula ist beteiligt.
- Supervisionskontext: Excentration ist ein Kernwerkzeug in der systemischen Supervision: Wechsel zwischen Beobachter-Perspektive, Kunden-Perspektive und eigener Perspektive.
- Selbst-Excentration: Man kann auch aus der eigenen aktuellen Emotion heraus treten und sich selbst wie einen Außenstehenden betrachten. Das reduziert amygdala-gesteuerte Reaktivität.
- Lektüre und Film: Tiefes Eintauchen in eine Figur aktiviert TPJ und Insula – das Gehirn vollzieht eine Form der Excentration.
Was diese Karte nicht sagt
Diese Karte beschreibt einen normalen Mechanismus im gesunden menschlichen Gehirn. Excentration als bewusster Perspektivwechsel ist ein erlernbares Werkzeug, kein Talent. Diese Karte ist keine Diagnostik und kein Behandlungshinweis.
